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Textile Tradition – modische Zukunft
St. Galler Stickerei gehört – nebst Uhren, Schokolade, Maschinen und Käse – zu den Export-Schlagern der Schweiz und war sogar einmal der berühmteste Handelsartikel des Landes. Sie hat die Welt erobert, eine schwere Krise gemeistert und erlebt jetzt erneut ein Revival.
 
Stickerei«Was muss das für ein tapferer Menschenschlag gewesen sein, der alle Geographie besiegte und aus der Klausnerei eine rührige Handelsstadt schuf, die mit England und Amerika sozusagen auf Du stand», entglitt es der Feder des Schriftstellers Heinrich Federer beim Beschreiben der Blütezeit der St. Galler Stickereiindustrie.
Das Textilgewerbe und speziell das Stickereihandwerk haben den Kanton St. Gallen derart geprägt, dass sogar seine Mundart in freundeidgenössischen Föppeleien mit Schifflisticker-Dialekt apostrophiert wird. Das stört die St. Galler jedoch wenig; denn Hauptsache für sie ist, dass ihre edle Kunst der Textil- und Modewelt rund um den Globus ein Begriff ist und ihre einzigartigen Stickereien auf den renommiertesten Laufstegen der Weltmetropolen für Furore sorgen und sogar von Top-VIPs getragen werden, wie das Beispiel der amerikanischen Präsidentengattin zeigt. Das muss den St. Gallern zuerst jemand nachmachen!
 
Geschichtsträchtige Textilkunst
Spitzen und Stickereien gehören zu denTraditionstextilien Europas. Von Italien kommend, wo um 1530 die erste Reticella (Nadelspitze) entstand und später, um 1660, mit der venezianischen Spitze eine wahre Hochblüte erreichte, verbreitete sich die Kunst im Alpenraum und von hier bis nach Nordeuropa. Resultat waren
eine Vielzahl regionaler Spezialitäten wie Rosellino, Point d’Alençon, Plauener Spitze oder Argentau. Mitte 17. Jahrhundert waren die Niederlande mit ihren Klöppelspitzen – Flandrische etwa oder Brüsseler Spitze – weltweit führend. 
In der Schweiz hat die Stickerei – obschon nicht von ihr selbst erfunden – einen ganz besonderen Stellenwert. Während Jahrhunderten prägte die einheimische Textilindustrie deren Entwicklung entscheidend mit. Kein Wunder, dass deshalb die Schweiz als Synonym für textiles Feinwerk gilt. So heissen beispielsweise in Italien gewisse Stickereien noch heute – in Anlehnung an die Textilstadt und Stickereimetropole St. Gallen – «il Sangallese».
 
«Zwei türkische Frauenzimmer»
Gewobene und bestickte Kostbarkeiten datieren weit zurück. So waren seit dem 13. Jahrhundert die gebleichten, mit Stickereien dekorierten Leinentücher beliebt. Doch mit dem Siegeszug der Baumwolle im 18. Jahrhundert verschwanden sie; denn die Empire-Mode liebäugelte jetzt mit hauchdünnen Geweben, verziert mit Weissstickereien. Doch wann und auf  welchem Weg fand die Stickereikunst in den Grossraum St. Gallen?
Der älteste Hinweis besagt, 1751 seien «zwei türkische Frauenzimmer» nach Lyon gekommen, wo sie «Blumen auf Seidenzeug stickten». Dies brachte St. Galler Kaufleute, welche dort als Leinwandund Mousseline-Händler zugegen waren, auf den Gedanken, auch Mousseline, ein besonders feines Baumwollgewebe, zu besticken. Tatsächlich wurde dann 1753 die Handstickerei durch die Gonzenbachs eingeführt und etablierte sich – neben Spinnen und Weben – zu einer tragenden Säule des ostschweizerischen Textilgewerbes.
 
Von Heimarbeit zur Fabrikation
Hergestellt wurden diese aus winzigen Stichen bestehenden Kunstwerke im Bodenseeraum anfänglich meist in Heimarbeit, bis schliesslich die Industrialisierung
das Handwerk in die Stickereifabriken transferierte, die nun wie Pilze aus dem Boden sprossen. Die Mechanisierung verlieh ab Mitte 19. Jahrhundert diesem Produktionszweig einen derartigen Aufwind, dass St. Gallen zur weltweit führenden Stickereistadt wurde. Innerhalb von Jahrzehnten erblühte die Gallusstadt zu einer wohlhabenden Metropole. Imposante Bauten wurden errichtet, die heute noch das Stadtbild prägen, kulturelle Institutionen entstanden, und 1879 wurde hier einer der ersten Fussballklubs auf dem europäischen Festland gegründet.
Mit der Einführung der Schifflistickmaschine ab 1880 und des Stickautomaten ab 1910 erfolgte nachmals ein Quantensprung in Produktivität und Rentabilität. Der Siegeszug war gewaltig: St. Galler Stickereien waren bis um 1920 das wichtigste Schweizer Exportprodukt! Die wohlhabende Gesellschaftsschicht im ausgehenden 19. Jahrhundert liebte wallende und mit glamourösen Stickereien üppig verzierte Damenmode. Das widerspiegelte sich zum Beispiel an den als Fashionbarometer wichtigen gesellschaftlichen Anlässen wie etwa den Pferderennen von Paris-Longchamp, Auteuil und Deauville. 
 
Grosse Krise – spätes Revival
Doch die Weltkriege, der gesellschaftliche Wandel und die Emanzipation der Frau veränderten auch die Modewelt, bis hinein in die Haute Couture. In den Kriegsjahren stagnierte das Wachstum, um mit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren vollends einzubrechen. Die Entwicklung war für die Region katastrophal; sie verkam vom industriellen Vorzeigebeispiel zum Armenhaus. Bis 1943 wurden annähernd 7000 Stickmaschinen verschrottet. Seit den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts wich zudem die sichtbar gemachte Textilkunst, das heisst Seide und Stickerei, aber auch Cocktailkleid und Spitzenkragen, zunehmend einem unkomplizierten, schnörkelfreien und pflegeleichten Chic. Doch wer glaubt, der Märchenglanz von einst sei in einen irreversiblen Dornröschenschlaf verfallen, der irrt. Ein neuer Trend zu Spitzen und Stickereien, die dekorierte Retro-Mode und das wiedererwachte Verlangen nach traditionellen Werten sind für die verbliebenen Produzenten ein Glücksfall. Die Trendsetter orientieren sich wieder am Ursprünglichen, Einzigartigen, an rustikalem Touch und ungekünstelter Originalität. Wegweisende Kollektionen, selbst im Luxussegment, spielen wieder mit einem Hauch von Trachtenwelt in Form von Spitzen, Stickereien und Häkelwerk. Statt «less is more» gilt wieder «more is more». Das kann die St. Galler Stickerei nur freuen.
 
Hochwertiges Nischenprodukt
Überhaupt darf St. Gallen stolz sein auf seine Textilgeschichte. Wenn auch – gesamtschweizerisch gesehen – die Ostschweizer Metropole randständig situiert ist, so hat sie trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ihren Platz an der Sonne aus eigener Kraft erkämpft und dadurch einen ganz eigenständigen Charakter bewahrt, fernab von der alles dominierenden Zürcher Finanz-, Kultur- und Vergnügungshochburg. Böse Zungen sagen, dass diese Distanz zu Zürich die Chance St. Gallens war. Für ihren eigenen Weg und Ruhm hat sich die Gallusstadt ja auch etwas ganz besonders Feines und Edles ausgesucht: die Spitze. 
So kann sie sich denn heute in textiler Tradition sonnen und zugleich zuversichtlich in die modische Zukunft blicken. Bekannte Textil- und Modedynastien haben die Stadt über Jahrhunderte zu einem kunsthandwerklichen Hort gemacht und ihr dadurch zu Weltruhm verholfen. Diese edle Tradition ist zugleich der Motor für die Zukunft. So werden denn in St. Gallen auch heute noch einzigartige Stickereien entworfen und hergestellt, die allerdings kaum mehr etwas gemein haben mit Grossmutters biederer Häkeldecken- und Spitzenblusen-Romantik – ausser natürlich der Liebe zum Kunsthandwerk.
 
Inspiration und technische Finesse
Um in der Haute Couture im schmalen Segment der obersten Liga mithalten zu können, experimentieren die Designer fortwährend mit den neusten Materialien, die sie phantasiereich mit erlesenen Geweben kombinieren. Heute gehören ausgeklügelte Laser- und Injektverfahren, dreidimensionale Applikationen aus Plissés und Bändern sowie Stanzmotive ebenso zum textilen Feuerwerk wie Schmucksteine, Perlen, Pailletten – und eben Stickereien. Die heutigen St. Galler Kreationen zeichnen sich aus durch ihre elegante Balance zwischen technischer Finesse und kreativer Inspiration, mit der sie den weiblichen Körper möglichst effektvoll umschmeicheln. Auch wenn die Hochblüte der Stickereiindustrie vorbei ist, so kommen die ersten Adressen der Haute Couture doch nicht ohne St. Galler Spitzen aus. Diese verleihen den exquisiten Geweben und fantasiereichen Stoffen, mit denen die Top-Models über die Pariser und Mailänder Laufstege defilieren,  Die Hochblüte der St. Galler Stickerei ist zwar Geschichte; doch eine hoffnungsvolle Nachblüte hat eben erst richtig begonnen – die Vergangenheit hat wieder Zukunft! /Hegi

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